Kollektive Strategien im Behördendschungel.
Verstehen, ermächtigen, verändern
Projektnummer: 2025-2-DE04-ESC30-SOL-000366725
Ein Jahr gegenseitige Unterstützung: Gemeinsam durch den Behördendschungel
Alles begann mit Situationen, die vielen Migrant*innen in Deutschland nur allzu bekannt sind: ein offizieller Brief, den man nicht versteht, ein Termin bei einer Behörde, ohne zu wissen, was einen dort erwartet, Schwierigkeiten mit der Wohnung oder bei der Arbeit – oder stundenlange Informationssuche, ohne überhaupt zu wissen, welche Frage man eigentlich stellen muss.
Aus diesen gemeinsamen Erfahrungen entstand unser Projekt. Es wurde von fünf Migrantinnen initiiert, die sich bei Angeboten des Bildungszentrums Lohana Berkins kennengelernt hatten. Von August 2025 bis Juli 2026 wollten wir gemeinsam eine einfache Frage erproben: Wenn Bürokratie uns häufig vereinzelt und mit unseren Problemen alleinlässt – *was passiert, wenn wir unser Wissen teilen und lernen, uns gegenseitig zu unterstützen?**
Über zwölf Monate hinweg entstanden kontinuierliche Räume für gegenseitige Unterstützung, in denen die konkreten Erfahrungen der Teilnehmenden den Ausgangspunkt bildeten. Es ging um alltägliche Schwierigkeiten mit Behörden, Wohnen, Arbeit und dem Zugang zu Rechten – aber auch um Strategien und Wissen, das andere Migrant*innen bereits gesammelt hatten. Parallel dazu fanden Workshops zu Migration und gesellschaftlicher Teilhabe, zum Recht auf Wohnen und zur Stadt, zu Arbeitssuche und Arbeitsrechten sowie zu Moderation, Mediation und Kommunikation statt.
Dabei wollten wir bewusst keinen weiteren Raum schaffen, in dem Expertinnen erklären, „wie Deutschland funktioniert“. Grundlage unserer Arbeit war die Popular Education / Educación Popular: Wissen entsteht nicht nur durch formale Beratung, sondern auch aus den Erfahrungen, die Menschen selbst mitbringen und miteinander teilen. Ergänzend arbeiteten wir mit Methoden des Theaters der Unterdrückten nach Augusto Boal. Dadurch konnten alltägliche Situationen – etwa ein schwieriges Gespräch mit Vermieterinnen oder eine belastende Behördensituation – gemeinsam durchgespielt, reflektiert und unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten ausprobiert werden.
Über die beiden Projektphasen hinweg nahmen Migrant*innen, mehrheitlich aus dem Globalen Süden, an den Aktivitäten teil. Besonderes Augenmerk lag auf Menschen, die größere Hürden beim Zugang zu Arbeit oder Wohnraum erleben, sowie auf Frauen und Personen mit vielfältigen Geschlechtsidentitäten. Gleichzeitig mussten wir unsere Arbeit immer wieder an die Lebensrealität der Teilnehmenden anpassen: prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit wechselnden Arbeitszeiten, Sorgearbeit, unterschiedliche Deutschkenntnisse oder sehr verschiedene Erfahrungen im Umgang mit digitalen Werkzeugen gehörten zum Alltag des Projekts.
Die Ergebnisse dieses Jahres lassen sich jedoch nicht nur an der Zahl der Workshops oder Veranstaltungen messen. Menschen kamen mit einem Brief, den sie nicht verstanden, einem festgefahrenen Antrag oder einem bevorstehenden Behördentermin, der ihnen Sorgen bereitete – und trafen dort auf andere, die vielleicht schon einmal in einer ähnlichen Situation gewesen waren. In den Evaluationen wurde genau dieser konkrete Nutzen besonders sichtbar: einen Raum mit einer klareren Vorstellung davon zu verlassen, was der nächste Schritt sein kann.
Auch für die fünf Personen, die das Projekt initiierten, war dieses Jahr ein Lernprozess. Keine von ihnen hatte zuvor ein Projekt dieser Größenordnung im Rahmen des Europäischen Solidaritätskorps koordiniert. Im Laufe der zwölf Monate entwickelten sie gemeinsam Kompetenzen in Projektorganisation, Kommunikation, Konfliktlösung und interkultureller Zusammenarbeit weiter.
Mit dem Ende der Förderung sollte diese Erfahrung nicht verschwinden. Einige Teilnehmende konnten sich im Laufe des Projekts Kenntnisse in Moderation, Mediation sowie zu Migrations- und Arbeitsrechten aneignen, die es ihnen ermöglichen, selbst ähnliche Räume zu begleiten. Gleichzeitig haben wir die Erfahrungen und Methoden des Jahres in einem mehrsprachigen pädagogischen Handbuch sowie in weiteren offenen Materialien festgehalten. Sie sollen auch anderen migrantischen Organisationen ermöglichen, die entwickelten Ansätze aufzugreifen, zu verändern und an ihre eigenen Kontexte anzupassen.
Vielleicht lässt sich die wichtigste Erfahrung dieses Jahres deshalb ganz einfach zusammenfassen: Wir müssen nicht alles wissen, um uns gegenseitig unterstützen zu können. Eine Person, die heute versucht, ihren eigenen Antrag oder Behördenbrief zu verstehen, kann morgen schon einer anderen Person helfen, die vor demselben Problem steht. Gegenüber einer Bürokratie, die Menschen oft vereinzelt und abhängig von Expert*innenwissen macht, kann das Teilen unserer Erfahrungen selbst zu einer Form von Selbstermächtigung werden.
Genau dieses Netz aus Wissen, Erfahrungen und gegenseitiger Unterstützung möchten wir auch nach dem Ende des Projekts weiter wachsen lassen.



